Thesen zum Bildungsstreik

Die folgenden Thesen sind das Ergebnis einer eintägigen Diskussion im Arbeitskreis Kritik. Sie entstanden in einem Prozess und werden im Laufe der politischen Arbeit des Arbeitskreises noch präzisiert. Wir sahen uns zu diesem enormen Tempo durch die rasante Entwicklung innerhalb des Erfurter Bildungsstreiks gezwungen. Die Thesen wurden auf dem Plenum der Streikenden am Abend des 18. November vorgestellt. Sie sind zu verstehen als solidarische, aber konfrontative Kritik. Wir haben das Ziel den Bildungsstreik kritisch zu reflektieren und eine Diskussion zu entfesseln.

1. Der sogenannte Bildungsstreik ist ein klarer Fall von Selbstbetrug.

Das beginnt mit der Benennung der ganzen Farce als Streik, denn der Lehrbetrieb wird nicht unterbrochen. Außerdem kann man nicht von einer Besetzung sprechen, da das Audimax den Studierenden von der Unileitung zur Verfügung gestellt wird.

2. Der Bildungsstreik ist unfähig, die vorgefundenen Strukturen der Universität zu transformieren oder gar zu überschreiten.

Er ist vielmehr Teil des Unialltags und findet parallel zu den restlichen Veranstaltungen statt. An seinem Ende soll ein fertiges Produkt stehen: Forderungen, die an die Politik übergeben werden sollen und sich von deren Urteil abhängig machen, wie jede Hausarbeit sich vom Urteil des_der Dozent_in abhängig macht.
Die affirmative Haltung zu bestehenden universitären sowie gesellschaftlichen Strukturen und Autoritäten macht eine reflektierte Betrachtung der eigentlichen Ursachen der Bildungsmisere unmöglich.

3. Durch den Apellcharakter der Forderungen unterwerfen diese sich unmittelbar den systemimmanenten Sachzwängen und können so ganz leicht abgespeist werden.

Warum das kapitalistische Wirtschaftssystem nur eine bestimmte Menge an Ressourcen generiert, wird nicht hinterfragt. Stattdessen würden die Mittel für die Forderungen lediglich durch eine Umverteilung der Ressourcen aus anderen Wirtschaftssektoren erfolgen.

4. Die Studierenden verfolgen eine Standortpolitik.

So gelten die Forderungen im besten Falle nur für den Bildungsbereich. Es findet eine Entsolidarisierung mit anderen Bevölkerungsgruppen statt, die ebenso auf staatliche Mittel angewiesen sind. Darin besteht auch der Grund, warum der Bildungsstreik zum Beispiel für Lohnabhängige keine Anknüpfungspunkte bietet.

5. Innerhalb des Bildungsstreiks besteht keine Differenzierung der Interessensgruppen sowie auch kein Bewusstsein der eigenen Interessen.

Ohne Bewusstsein der eigenen Interessen kann es auch keine sinnvolle Formulierung der eigenen Perspektiven und Ziele geben. Die Differenzierung der Interessensgruppen ist nötig, um die Verantwortung für die Umsetzung der gestellten Forderungen nicht einfach weiterzugeben und sich mit Bitten um Verständnis befrieden zu lassen.

6. So ist auch unklar, welcher Begriff von Bildung der Diskussion vorausgesetzt wird und welchem Bildungsideal sich die “Bildungsstreikenden” durch ihre Forderungen nähern wollen.

Innerhalb der Studierendenschaft existieren unzählige verschiedene Begriffe bzw. Vorstellungen von Bildung. Das Eintreten für die gemeinsame Interessenslage setzt aber einen Konsens über die Begrifflichkeiten voraus.

7. Das wirkliche Ziel des Bildungsstreiks ist kein selbstbestimmtes Lernen und Leben, sondern die Effektivierung der eigenen Zurichtung für den kapitalistischen Selbstzweck der Verwertung.

8. Deshalb ist es unumgänglich die bestehenden Verhältnisse zu hinterfragen und die eigene Position zu reflektieren.