Kein Alk von Sexisten

Wenn im TIKO Sexisten die Gäste anmachen und diese Hilfe an der Bar suchen, findet der Barmann das „Kindergarten“ und „argumentiert“, im Grunde seien „wir“ ja alle Sexisten.
Das TIKO versteht sich gemäß seines Selbstverständnisses, das auf dessen Website nachzulesen ist, als eine alternative Kneipe in der Erfurter Altstadt. Weder „Schnösel, Poser, Checker, BMW-Fahrer, Fetzer oder sonst in irgendeiner Form Anhänger eines grassierenden pandemischen Hypes“ werden in der Kneipe willkommen geheißen. Der Ruf der vermeintlich alternativen Kneipe speist sich nicht zuletzt auch daraus, dass es von weiten Teilen alternativer Menschen als solche verstanden wird.

Nun jedoch ereignete sich am Abend des 12. Januar diesen Jahres ein Vorfall, der an dieser gemeinhin anerkannten Darstellung des TIKO erhebliche Zweifel aufkommen lässt. So fanden sich im TIKO entgegen dessen Selbstdarstellung an besagtem Abend Leute in der Kneipe ein, die sich in ihrer gesellschaftlich konstruierten Rolle als „Mann“ (respektive „Poser“ oder „Checker“) nicht nur sehr wohl fühlten, sondern diese auch auf eine aggressive Weise vertraten. Anwesende Personen, die von besagter Gruppe der gesellschaftlich konstruierten Rolle als „Frau“ zugeordnet wurden, sahen sich aufgrund dieser Zuordnung wiederholten verbalen Angriffen ausgesetzt. Auf die Attacken folgend suchten die Betroffenen Unterstützung beim Barmann, mit der Erwartung, die mit sexistischen Ressentiments hantierenden Gäste „mit einer (un)freundlichen aber bestimmten (non)verbalen Zurechtweisung“ (TIKO-Website) rauswerfen zu lassen.

Wider dieser Erwartung empfand der Barmann den Bericht offenbar als nicht ernstzunehmen und reagierte mit abfälligen Bemerkungen gegenüber den Betroffenen: „Wir sind doch alle Sexisten.“ Dies allerdings ist leider nicht der Website des TIKOs zu entnehmen. Schließlich könnte es einen erheblichen Teil der potentiellen Kundschaft dazu bewegen, einen weiten Bogen um das TIKO zu machen. Der Schein einer linksalternativen Kneipe demaskiert sich angesichts dieses Vorfalls als trügerisch. Gesellschaftlich generierte, regressive Ansichten, die dem „Mann“ eine vermeintlich naturgegebene höhere „Wertigkeit“ als der „Frau“ zurechnen, scheinen bei den Emanzipationsfeinden aus dem TIKO nicht nur Zuspruch zu finden, sondern auch als Identifikationsmerkmal zu dienen. Und mehr noch: Sie werden offen zu Lasten derer als minderwertig betrachteten Gruppen ausgelebt.

So verleiht dieser Vorfall der Forderung nach einer selbstreflexiven Haltung sich als alternativ verstehender Menschen in Erfurt und anderswo erneut Nachdruck. Das Ausbleiben einer kritischen Selbstreflexion, in der Missstände wie offener und auch verdeckt auftretender Sexismus sichtbar werden, sowie das Ausbleiben einer inhaltlichen Auseinandersetzung damit, forcieren schließlich das Aufkommen solcher demütigenden Vorfälle.

Mit denjenigen, die noch nicht einsehen wollen, dass Sexisten der Schwanz abgeschnitten gehört, empfehlen wir den Umgang im Sinne Walter Benjamins: Jeder kann seine eigene Meinung haben, nur manche verdient eben Prügel.

I prefer not to…

Warum unsere Sympathie Florida-Rolf gilt und nicht den Studiprotesten

Ein Flugblatt der 5e Internationale Situationniste antiboche, verteilt auf der Demonstration gegen Bildungs- und Sozialabbau.

Dass es mit Eurer Kritikfähigkeit nicht viel auf sich hat, das haben wir bei Euren nur unzureichend als Referat getarnten Textnacherzählungen schon zu häufig erleben dürfen. Zwar war das konsequenzlose Seminarraumgelabere allzu ermüdend, hat aber relativ geringe Auswirkungen auf the real world gehabt. Gefährlich wird das Ganze, sobald dieses intellektuelle Elend eine realpolitische Wende erfährt und als konformistische Revolte ? bisweilen auch Studiproteste genannt ? in Erscheinung tritt. Mit allerlei geistreichen Wendungen à la ?man dürfe die Kuh nicht schlachten, die man noch zu melken? gedenke oder dem notorischen Verweis darauf, dass man nicht an Deutschlands Zukunft sparen dürfe, erbringt Ihr den sofortigen Nachweis, dass es bei einigen Menschen bereits eine Unverschämtheit ist, wenn sie ?Ich? sagen.

L?état et moi.

Die Relativierung des eigenen schnöden Interesses am selbstverständlich vorausgesetzten Gemeinwohl (dem konkurrenzfähigen Standort), kurz: dass der Gemeinnutz nicht nur im Programm der NSDAP, sondern auch im studentischen Bewusstsein vor dem Eigennutz geht, ist der eigentliche Skandal. Aber nur weil alle so denken (genauer: meinen) wird der Wahn nicht vernünftiger. Wer noch den Versuch unternimmt, diesen geistigen Tiefschlaf zu stören, trifft auf die immergleiche, monoton vorgetragene Wortgeröllproduktion: Ja, man solle doch gefälligst mal etwas Besseres vorschlagen! Nun, wir sind nicht die Regierung im Wartestand, haben auch keinerlei Aspirationen als solche zu enden, folglich müssen wir uns auch nicht deren Kopf zerbrechen. Das luxuriöse Privileg, noch denken zu wollen, nutzen wir an dieser Stelle, um uns dem soeben geschilderten antikritischen Schema ein wenig zu nähern.

Die Kapitulation vor der Wirklichkeit, diese typisch deutsche Abneigung gegen Kritik, gemäß dem Hegelschen Diktum, dass das was ist, eben Kraft seines positiven Seins auch vernünftig und somit gerechtfertigt sei, besitzt in Deutschland erstaunliche Kontinuität. Denn was die für das Denken konstitutive Negativität anbelangt, so musste und muss diese hierzulande stets von außen importiert werden: entweder in Form alliierter Flächenbombardements deutscher Städte, um dem Vernichtungswahn Einhalt zu gebieten, oder eben durch das Verteilen solcher Flugblätter in deutschen Latenzphasen.

Mit Eurem bornierten Beharren auf konstruktiven Vorschlägen, jenem ekligen, autoritär-untertänigen Zwang zum Positiven, macht Ihr Eurem Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten alle Ehre. Wie das Land so die Leute. Eure Streikforderungen allein sind schon eine schiere Zumutung. Ob Ihr die wohl aus einem Etikettenratgeber abgeschrieben habt? Lediglich auf den Erhalt des Bestehenden ausgerichtet, sind diese noch nicht einmal reformistisch, sondern schlichtweg konservativ (bewahrend). Ihr glaubt, nur dann kritisieren zu dürfen, wenn Ihr etwas Besseres an Stelle des Kritisierten vorzuschlagen habt und fangt allen Ernstes selbst damit an, Eure Studiengänge und Institute effizienter zu gestalten, zu ökonomisieren und somit die Vorlage für Eure Wegrationalisierung von morgen zu liefern.

Genügen mag an dieser Stelle der Hinweis darauf, dass sozialpsychologisch die Versessenheit aufs Positive ein Deckbild des unter dünner Hülle wirksamen Destruktionstriebs ist. Die am meisten vom Positiven reden, sind einig mit zerstörender Gewalt. Nicht zuletzt dadurch ordnet Euer Aktionismus dem herrschenden gesellschaftlichen Trend so sehr sich ein. Dem entgegenzusetzen wäre, dass das Falsche, einmal bestimmt erkannt und präzisiert, bereits Index des Richtigen, Besseren ist.

Der deutsche Friedhof der Kuscheltiere.

Wir halten gar so wenig von Eurem Protest, dass wir uns bisweilen fragen, wer denn die Adressaten dieses Flugblatts sind. Vielleicht die Subjekthüllen, die alles dafür tun, sich auf ökonomische Verwertbarkeit zu trimmen und die den Begriff Humankapital nicht als vernichtendes Urteil über diese Gesellschaftsordnung verstehen, sondern als schmeichelhafte Selbstetikettierung für sich in Anspruch nehmen? Solange Ihr nicht von Eurem magisierten ?konstruktive-Alternativen-Unterbreiten? Abstand nehmt, solange tragt Ihr zur Konsolidierung der herrschenden Ordnung bei. Das Gleiche gilt sowohl für die Ressentiment geladenen verteilungssozialistischen Spielarten, wonach die ?Bonzen? an der Misere Schuld haben und demnach zur Kasse gebeten werden sollen, als auch für das ideologische Geschwafel von den projektierten amerikanischen Verhältnissen, dem Raubtierkapitalismus, der den Kuscheltierkapitalismus rheinischer Prägung jetzt abzulösen drohe.

Was Florida-Rolf Euch voraus hat, was auch zugleich der Grund dafür ist, dass dieser den deutschen Volkszorn auf sich zieht während Ihr zu den Lieblingen der Nation avanciert, ist die Bereitschaft für das eigene Glück einzutreten. Das, was Ihr und Eure dämlichen Volksgenossen doch insgeheim begehrt ? den Reichtum ohne Arbeit ? um den Ihr jeden Tag unterm Wertgesetz beschissen werdet ? und zu dessen Erlangung Florida-Rolf klugerweise nicht wie die Maus im Laufrad Lotterielose gekauft hat ? diese Vorstellung möglichen gesellschaftlichen Glücks, müsst Ihr als von Herrschaft Verstümmelte zwanghaft bekämpfen. Allein der Gedanke, dass auch nur eineR sich dem allgemeinen Joch repressiver Egalität entziehen könnte, treibt Euch schon den Schaum in die Mundwinkel. Deshalb betont Ihr auch ständig, dass es Euch nicht zu gut geht, dass Ihr fleißig und nicht zu lang studiert und auch nur das, was Euch später brav Euer Scherflein zur Verwertung beitragen lässt.

Deswegen kotzt es Euch an, dass wir hier mit unseren Transparenten Eure gruselige Verzichtsshow durchqueren. Ist schon Scheiße, wenn Sabine Christiansen, der Deutschen Lieblingsblockwart beim Aufspüren von Sozialschmarotzern gar Verdacht schöpfen könnte.
Und obwohl Eure Proteste an Radikalität nicht mehr zu unterbieten sind ? für ein paar Eierwürfe muss schon die local antifa anrücken; Ihr Euch nicht entblödet mit den von denkenden Menschen am meisten verachteten Wesen, nämlich Bullen, eine gemeinsame Demo zu machen ? duldet Ihr sogenannte Kompromissforen auf Euren Vollversammlungen, denen das alles schon zu radikal ist.

Bei soviel Meinungspluralismus, Toleranz und Kommunikationsbereitschaft schlagen wir vor, es doch lieber mit Walter Benjamin zu halten, dass jeder eine Meinung haben darf, nur manche eben Prügel verdient.
Nun, falls Du es mit dem Lesen bis hierhin gebracht hast und jetzt der Auffassung bist, das Ganze sei arrogant, unsolidarisch oder abgehoben, dann liegst Du vermutlich richtig: Das Eingeschworensein aufs Positive wirkt als Schwerkraft, die alles hinunterzieht. Deshalb bist Du auch vermutlich so down to earth wie die zoologischen Ahnen, ehe diese sich auf die Hinterbeinchen stellten.

5e Internationale Situationniste antiboche. Décembre 2003.

Thesen zum Bildungsstreik

Die folgenden Thesen sind das Ergebnis einer eintägigen Diskussion im Arbeitskreis Kritik. Sie entstanden in einem Prozess und werden im Laufe der politischen Arbeit des Arbeitskreises noch präzisiert. Wir sahen uns zu diesem enormen Tempo durch die rasante Entwicklung innerhalb des Erfurter Bildungsstreiks gezwungen. Die Thesen wurden auf dem Plenum der Streikenden am Abend des 18. November vorgestellt. Sie sind zu verstehen als solidarische, aber konfrontative Kritik. Wir haben das Ziel den Bildungsstreik kritisch zu reflektieren und eine Diskussion zu entfesseln.

1. Der sogenannte Bildungsstreik ist ein klarer Fall von Selbstbetrug.

Das beginnt mit der Benennung der ganzen Farce als Streik, denn der Lehrbetrieb wird nicht unterbrochen. Außerdem kann man nicht von einer Besetzung sprechen, da das Audimax den Studierenden von der Unileitung zur Verfügung gestellt wird.

2. Der Bildungsstreik ist unfähig, die vorgefundenen Strukturen der Universität zu transformieren oder gar zu überschreiten.

Er ist vielmehr Teil des Unialltags und findet parallel zu den restlichen Veranstaltungen statt. An seinem Ende soll ein fertiges Produkt stehen: Forderungen, die an die Politik übergeben werden sollen und sich von deren Urteil abhängig machen, wie jede Hausarbeit sich vom Urteil des_der Dozent_in abhängig macht.
Die affirmative Haltung zu bestehenden universitären sowie gesellschaftlichen Strukturen und Autoritäten macht eine reflektierte Betrachtung der eigentlichen Ursachen der Bildungsmisere unmöglich.

3. Durch den Apellcharakter der Forderungen unterwerfen diese sich unmittelbar den systemimmanenten Sachzwängen und können so ganz leicht abgespeist werden.

Warum das kapitalistische Wirtschaftssystem nur eine bestimmte Menge an Ressourcen generiert, wird nicht hinterfragt. Stattdessen würden die Mittel für die Forderungen lediglich durch eine Umverteilung der Ressourcen aus anderen Wirtschaftssektoren erfolgen.

4. Die Studierenden verfolgen eine Standortpolitik.

So gelten die Forderungen im besten Falle nur für den Bildungsbereich. Es findet eine Entsolidarisierung mit anderen Bevölkerungsgruppen statt, die ebenso auf staatliche Mittel angewiesen sind. Darin besteht auch der Grund, warum der Bildungsstreik zum Beispiel für Lohnabhängige keine Anknüpfungspunkte bietet.

5. Innerhalb des Bildungsstreiks besteht keine Differenzierung der Interessensgruppen sowie auch kein Bewusstsein der eigenen Interessen.

Ohne Bewusstsein der eigenen Interessen kann es auch keine sinnvolle Formulierung der eigenen Perspektiven und Ziele geben. Die Differenzierung der Interessensgruppen ist nötig, um die Verantwortung für die Umsetzung der gestellten Forderungen nicht einfach weiterzugeben und sich mit Bitten um Verständnis befrieden zu lassen.

6. So ist auch unklar, welcher Begriff von Bildung der Diskussion vorausgesetzt wird und welchem Bildungsideal sich die “Bildungsstreikenden” durch ihre Forderungen nähern wollen.

Innerhalb der Studierendenschaft existieren unzählige verschiedene Begriffe bzw. Vorstellungen von Bildung. Das Eintreten für die gemeinsame Interessenslage setzt aber einen Konsens über die Begrifflichkeiten voraus.

7. Das wirkliche Ziel des Bildungsstreiks ist kein selbstbestimmtes Lernen und Leben, sondern die Effektivierung der eigenen Zurichtung für den kapitalistischen Selbstzweck der Verwertung.

8. Deshalb ist es unumgänglich die bestehenden Verhältnisse zu hinterfragen und die eigene Position zu reflektieren.

Lang lebe die Kritik!

Zur Intention der Initiator_innen dieses Blogs:

Der Arbeitskreis Kritik entstand im Rahmen des Bildungsstreiks im November 2009 in Erfurt. Ziel war und ist es kritisch in den Bildungsstreik zu intervenieren. Wir begrüßen den Streik, weil er Räume für die Diskussion um emanzipatorische Politik öffnet, beobachten aber, dass der Bildungsstreik sich damit begnügt reformistische Apelle an die Landespolitik zu stellen, anstatt über die wirklichen Ursachen für die Misere im Bildungssystem und anderen gesellschaftlichen Bereichen zu diskutieren.
Dem möchten wir entgegen wirken, indem wir die Theorie der politischen Praxis voranstellen. Wir sind der Meinung, dass die gut gemeinten Ziele des Bildungsstreik letztlich in ihr Gegenteil umschlagen können, wenn an die Stelle des Kampfes für ein selbstbestimmtes Leben und Lernen die Bereitschaft tritt an der eigenen Zurichtung für den kapitalistischen Selbstzweck mitzuwirken.
Dem kann nur entgegnet werden, wenn die bestehenden Verhältnisse kritisch hinterfragt und die eigenen Positionen reflektiert werden.